Elitestudiengang Osteuropastudien
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München war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zentrum der ost- und südosteuropäischen Migration. Als wichtiger Sitz der amerikanischen Besatzungsbehörden und durch seine geografische Lage wurde die Stadt zur Anlaufstelle für Menschen aus dem östlichen Europa. Sie kamen in eine zu großen Teilen kriegszerstörte Stadt, viele Münchner:innen standen ihnen angesichts des verbreiteten materiellen Elends feindselig gegenüber. Als sogenannte Displaced Persons (DPs) wurden ehemalige Zwangsarbeiter:innen, befreite KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene sowie Überlebende der Schoa oft unfreiwillig in DP-Lagern und Privaträumen in der Stadt und der Umgebung untergebracht. Ferner waren Tausende Menschen aus Mittel- und Osteuropa vor der vorrückenden Roten Armee nach Westen geflohen, aus Furcht vor sowjetischer Besatzung, aus antikommunistischer Überzeugung oder aus Angst vor Verfolgung wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht. Dazu kamen Deutsche, die aus der Tschechoslowakei und den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben oder geflüchtet waren.

Die Mehrzahl der DPs wurden innerhalb weniger Monate nach Kriegsende repatriiert oder zog weiter nach Nordamerika oder Israel. München aber blieb in der Zeit des Kalten Kriegs ein Zentrum für die ost- und südosteuropäische Migration und das antikommunistische Exil. Es bildeten sich Netzwerke und Institutionen wie die Ukrainische Freie Universität, die Tolstoy Foundation, der Antibolschewistische Block der Nationen und Radio Free Europe/Radio Liberty, die nicht zuletzt vielen Osteuropäer:innen die Möglichkeit gaben, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Viele Einrichtungen positionierten sich gegen die staatssozialistischen Regime im östlichen Europa. Sie wurden teilweise durch die CIA geschaffen und finanziert und in unterschiedlichem Umfang von den bundesdeutschen und bayerischen Behörden unterstützt. Das zog die Aufmerksamkeit der osteuropäischen Geheimdienste auf sich, die bis in die 1980er Jahre zahlreiche Anschläge auf Exilanten in München verübten.

Abgesehen von Studien zu deutschen Flüchtlingen und „Heimatvertriebenen“ sowie teilweise zu jüdischen DPs hat sich die historische Forschung mit der umfangreichen Kriegs- und Nachkriegsmigration nach München lange nur am Rande beschäftigt. Erst in den letzten Jahren ist ein Anstieg des wissenschaftlichen Interesses an DPs und an der Rolle Münchens im Kalten Krieg zu verzeichnen. Die Tagung will dieser neuen Forschung ein Forum bieten und damit sowohl einen Beitrag zur Migrationsgeschichte Osteuropas als auch zur Münchner Stadtgeschichte leisten. Aufgeteilt ist die Tagung in zwei Panel-Blöcke: am ersten Tag wird neue DP-Forschung präsentiert, am zweiten Tag steht München als Schauplatz des Kalten Krieges und als Standort der Osteuropaforschung im Fokus. Außerdem wird der digitale Audiorundgang „Kalter Krieg: Tatort München“ vorgestellt, ein Studierendenprojekt des Elitestudiengangs Osteuropastudien (LMU München/Universität Regensburg) zu den Mordanschlägen ost- und südosteuropäischer Geheimdienste.

Kurzbeschreibungen der Beiträge

Panel 1: Quellen der DP-Geschichte in München

Andreas Heusler (München): Displaced Persons in der Münchner Nachkriegsgesellschaft. Forschungsstand, Quellen, Perspektiven – ein Überblick

Die Stadtgeschichte Münchens nach 1945 ist – von einzelnen gut dokumentierten Themenfeldern abgesehen – bislang weitgehend unerforscht. Das Schicksal von zehntausenden Displaced Persons und der Umgang der kommunalen und staatlichen Behörden sowie der Besatzungsorgane mit dieser außerordentlich volatilen und strukturell besonderen Großgruppe gehört dazu. Das mangelnde Forschungsinteresse ist keineswegs einer schlechten Quellenlage geschuldet, sondern fehlendem Erkenntnisinteresse. Im Vortrag wird den Gründen dafür nachgegangen. Daneben werden Forschungsperspektiven skizziert und ein Einblick in die überaus reichhaltige Quellenlandschaft zur Münchner DP-Thematik gegeben.

Axel Doßmann (Berlin/Jena): Vielstimmige Differenz. Münchner Displaced Persons in Interviews mit David P. Boder im Sommer 1946

Endlich erhielt David P. Boder ein Visum für die amerikanische Besatzungszone: Nach über 70 geführten Interviews mit jüdischen DPs in Paris, Genf und Tradate konnte der Chicagoer Psychologe in München einen „umfassenden Überblick über das Problem der Displaced Persons“ erlangen. So resümierte er seine intensiven Tage zwischen dem 19. und 24. September 1946. Endlich bot sich dem aus dem zaristischen Liebau (Lettland) stammenden, jüdischen Amerikaner die Chance, seine Forschung zur „Dekulturation“ und Traumatisierung von DPs auch vergleichend anzulegen. Entsprechend starkes Gewicht gab Boder den Münchner DP-Interviews in seinen späteren Publikationen. Die Überlieferung aus München (und Feldafing) umfasst 24 Gespräche mit DPs aus acht Ländern: die Mehrzahl davon sind „volksdeutsche“ DPs und Zwangsarbeiter:innen aus dem Baltikum, zudem sechs jüdische KZ-Überlebende und zwei Mennonit:innen aus der Ukraine. Neben diesen „thematischen Autobiographien“ fixierte der Feldforscher Gesänge der DPs auf dem haarfeinen Tondraht. Und in einem kurzen Amateurfilm hielt er Szenen vor der Funkkaserne und im Lager Dachau fest. Zwar ist diese außergewöhnliche Sammlung seit 2009 auf der Chicagoer Webseite „Voices of the Holocaust“ online, doch auch die Münchner DP-Interviews sind noch nicht systematisch beforscht.
Was kann mit dieser herausfordernden Überlieferung für uns heute hör- und sichtbar gemacht werden? Mit welchen Fragen lässt sich das Material angemessen erschließen und zugänglich machen im dreidimensionalen Raum einer historischen Ausstellung? Mein Impuls-Beitrag macht dazu Vorschläge, weist auf Chancen und Probleme hin, lässt exemplarisch hören und sehen.

Vitalij Fastovskij (Münster): Humanitäre Hilfe im Kalten Krieg: Die Unterstützung von Displaced Persons und Flüchtlingen durch die Tolstoy Foundation (1949-1989)

Der Ost-West-Konflikt war nicht zuletzt ein Wettstreit um die Herzen der Menschen: Westliche Staaten, allen voran die USA, investierten enorme Summen ins humanitäre Hilfswesen und zeigten damit, dass die „Freie Welt“ Verfolgte und Bedrängte nicht vergessen habe. Unabhängige Hilfsorganisationen spielten für die staatliche Politik eine entscheidende Rolle, – ohne ihren Einsatz wäre die Bewältigung humanitärer Krisen kaum möglich gewesen. Bislang ungenügend beachtet wurde allerdings ihre Rolle als Vehikel des transnationalen Transfers von Personen, Gütern und Ideen. Mit ihrer grenzüberschreitenden Tätigkeit konnten sie binäre Ordnungen des Kalten Krieges sowohl herausfordern als auch stabilisieren. Ein solcher hochgradig ambivalenter Akteur war die Tolstoy Foundation. Die russisch-amerikanische Stiftung war eine dezidiert antikommunistische Organisation mit engen Verbindungen zu politischen und religiösen Vereinigungen der russischen Diaspora. Zugleich war sie die Interessenvertretung von Menschen, die im „Westen“ als Fremde betrachtet wurden: Displaced Persons (DPs) – in ihrer Mehrheit ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – sowie Geflüchtete aus fast sämtlichen staatssozialistisch regierten Ländern. In meinem Vortrag gebe ich einen Überblick über die Bestände der Tolstoy Foundation in München und ihre Bedeutung für die Bearbeitung des Desiderats einer "Entgrenzung" der DP-Geschichte.

Gudrun Wirtz (München): Displaced-Persons-Publikationen aus München und Umgebung (1945-1951)

Die Forschung zu Displaced Persons nach dem Zweiten Weltkrieg steckt, obgleich in den vergangenen Jahren einige wichtige Studien erschienen sind, insgesamt noch in ihren Kinderschuhen. Überwiegend beruht sie auf Archivmaterialien und Ego-Dokumenten. Eine wichtige Gruppe verfügbarer Quellen lässt sie hingegen weitestgehend außer Acht, nämlich die Publikationen der DPs selbst. Dies hat vielerlei Gründe. Zum einen sind DP-Publikationen selten in öffentlichen Institutionen zugänglich, oft schlecht gedruckt und schlecht erhalten: Sie wurden nicht für eine langfristige Aufbewahrung in Bibliotheken produziert, sondern mit geringen Ressourcen für den unmittelbaren Bedarf, meist in den DP-Camps. Zum anderen gibt es zwar eine enorme Zahl solcher Publikationen, aber es existiert keine auch nur ansatzweise vollständige Übersicht oder Bibliographie. Hinzu kommt, dass es hohe Kompetenzen und sehr viel Zeit und Mühe erfordert, mit diesen komplexen Materialien systematisch zu arbeiten. Erschwerend hinzu kommt, dass in der Sowjetunion und nun Russland das Thema aus historisch-ideologischen Gründen lange tabu war und aktuell zweifelsohne wieder wird. Der Vortrag gibt einen Einblick in die Fundgrube an Quellen, die zur Verfügung steht, beleuchtet die spezielle Rolle Münchens als besonderes Zentrum der DP-Publikationen und diskutiert die Möglichkeiten der Aufbereitung der Materialien für die wissenschaftliche Nutzung.

Panel 2: Nichtjüdische DPs in der Münchner Stadtgesellschaft

André Scharf (Dachau): „Bleib du hier. Arbeiten kannst du“ – Lebenswege ehemaliger Häftlinge des KL Dachau in München

Am 29. April 1945 befreiten Soldaten der US Army im Stammlager des KL Dachau ca. 32.000 Gefangene der SS aus über 40 Ländern. Bald nachdem eine tragfähige Versorgung der Befreiten im ehemaligen KL Dachau sichergestellt war, machte sich das Internationale Überlebendenkomitee daran, die Rückkehr der aus dem europäischen Ausland Verschleppten in die verschiedenen Herkunftsländer Europas zu organisieren.
Für mindestens 10.000 Männer und Frauen fehlte jedoch ein Repatriierungsziel. Osteuropäischen Jüd:innen war alles genommen worden, was „Zuhause“ bedeuten könnte: Wohnraum, Familie, Gemeinschaft. Zudem mussten sie mit Repression und Aggression der Mehrheitsgesellschaft ihnen gegenüber rechnen. Es gab Jugoslaw:innen, die gegen Tito und Spanier:innen, die gegen Franco gekämpft hatten und denen politische Verfolgung in Ihren Heimatländern drohte. Balt:innen und Ukrainer:innen wurden von der Sowjetunion „beansprucht“. Unter sowjetischen Überlebenden kursierten bald Gerüchte, dass ihnen ihr Überleben als Kollaboration ausgelegt werden könnte und die deshalb eine Rückkehr fürchteten. Bei mehreren tausend polnischen Befreiten war die Staatszugehörigkeit nicht geklärt, viele von ihnen scheuten die Rückkehr in das unter sowjetischem Einfluss stehende Polen. Gebiete im Osten des Landes waren auch weiterhin von der Sowjetunion besetzt. Unter den befreiten Gefangenen waren zudem tatsächliche Kollaborateur:innen aus Ost- und Westeuropa.
Es ist auffällig, dass sich sehr viele Überlebende des KL Dachau und seiner Außenlager in und um München niederließen. Viele von Ihnen waren mit der Gedenkstätte in Kontakt, engagierten sich in Überlebendenverbänden und Verfolgtenorganisationen, waren als Zeitzeug:innen und in der Erinnerungs- und Bildungsarbeit aktiv. Von daher existieren sehr viele autobiographische Zeugnisse von Überlebenden des KL Dachau, die auf Zeit oder für immer in München ansässig wurden. Allerdings erfahren wir darin nur sehr wenig über Prozesse und Umstände, die sie zu dieser Entscheidung bewegten. Die Nachkriegszeit steht eindeutig im Schatten der Geschichte der NS-Verfolgung. Das liegt zum einen natürlich an der individuellen Priorisierung der traumatischen Erlebnisse in den Konzentrationslagern, zum anderen aber auch an den Themensetzungen der Interviewenden beziehungsweise den Interessen des Publikums.
Besser dokumentiert sind die Lebensläufe der Protagonist:innen ab den 60er Jahren. Aus Korrespondenzen mit der Gedenkstätte, aus ihrem Engagement in Vereinen und Verbänden und in der Erinnerungs- und Bildungsarbeit aber auch aus den Dokumentationen ihrer Kämpfe bei bundesdeutschen Behörden um Anerkennung und Entschädigung.
Der Beitrag möchte anhand autobiographischer Zeugnisse und umfangreicher Sammlungen von Verfolgtenverbänden und Überlebendenorganisationen, die sich im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau befinden, in einem Panorama die Vielfalt der Lebenswege ehemaliger Häftlinge des KL Dachau in München ab 1945 zeigen. Ausführlicher wird zum Schluss die außergewöhnlich gut dokumentierte Nachkriegsbiographie des polnischen Überlebenden Franz Brückl vorgestellt.

Marcus Velke-Schmidt (Köln/Bonn): Baltische Displaced Persons und „heimatlose Ausländer“ in Bayern und München – eine Bestandsaufnahme

Displaced Persons und „heimatlose Ausländer“ aus den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind in der historischen Forschung nach wie vor unterrepräsentiert. Dies hängt zum einen mit ihrem vergleichsweise niedrigen Anteil an der Gesamtgruppe der DPs und „heimatlosen Ausländer“ zusammen; zum anderen werden sie – anders als beispielsweise jüdische oder polnische DPs – nach wie vor nicht als „richtige“ Opfer der NS-Herrschaft in Europa, sondern vor allem als „Kollaborateure“ und Flüchtlinge wahrgenommen. Dabei gehören die Migrationsbewegungen, die ab Sommer 1944 etwa 200.000 Menschen aus dem Baltikum ins „Reich“ führten, unbestreitbar in den Kontext der Zwangsmigrationen im Gefolge des von NS-Deutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs.
Der Vortrag erläutert zunächst die allgemeine Geschichte baltischer DPs und „heimatloser Ausländer“. In einem zweiten Schritt wird dargestellt, welche Spuren sie in Bayern und München hinterlassen haben. Diese erste Bestandsaufnahme erfolgt vor allem anhand der vorhandenen DP-Literatur, wobei ein Schwerpunkt auf estnischen DPs und „heimatlosen Ausländern“ gelegt wird. In einem dritten Schritt werden dann Forschungsfragen und -desiderate formuliert, die im Idealfall weitere Forschungen zu dieser Menschengruppe initiieren helfen.

Maria Kovalchuk (München): Laboratory of a Civil Society: Diversity, Debates, and Culture in Ukrainian DP community in the American Zone

Displaced Persons camps are often seen as an isolated and non-inclusive social space, in the case of Ukrainians also heavily influenced by radical nationalistic political views. Jan-Hinnerk Antons, a researcher of the Ukrainian displaced persons in the British Zone, writes that the authoritative power of the nationalist political agenda was enforced “in a dictatorial manner”, overpowering the diversity and freedom of expression among the displaced persons. Contrary to this statement, I suggest that Ukrainian displaced persons in American Zone were involved in the creation of civil society with an unavoidable plurality of voices and political and cultural debates. Furthermore, crucial points of solidarization and cooperation can be seen in supralocal civil organizations, church, youth and women organizations, which included members of diverse political and social backgrounds. Examples of the diversity and plurality analyzed in the paper will include an analysis of the social structure and activity of woman's organization, liaison between two main youth organizations (SUM and PLAST), and literary debates, with a special focus on the Yurii Shevelyov case study. Finally, I argue that this social organization will evolve further in North America, where most of the DPs will migrate, eventually influencing the civil society of post-independent Ukraine.

Panel 3: Orte der Migration in der Münchner Nachkriegszeit

Elena Kuhlen (München): Das Lager Schleißheim 1946 - 1953 – die rettende Insel für russische antikommunistische Displaced Persons

Das nur 13 km von der Münchner Innenstadt entfernte Lager Schleißheim wurde erst im August 1946 auf Anordnung der US-Militärregierung Bayerns (Regional Military Government for Bavaria) für die Unterbringung sowjetischer DPs (überwiegend russischer Nationalität) eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt waren die massenhaften Rückführungen (freiwillige Repatriierungen und Zwangsauslieferungen) sowjetischer Staatsbürger aus der amerikanischen Besatzungszone Bayerns im Großen und Ganzen bereits abgeschlossen und einige mononationale, russische DP-Camps aufgelöst worden. In das neugegründete Lager Schleißheim wurden ca. 2.000 sowjetische DPs mit LKW aus den DP-Camps Kempten und Füssen überführt. Das waren diejenigen, die es geschafft hatten, ihr Bleiberecht im Westen zu verteidigen und einen rettenden DP-Status zu bekommen.
Im Vordergrund des Vortrags stehen die DP-Politik der US-Militärregierung in Bayern in Bezug auf die sowjetischen DPs sowie deren Überlebensstrategien beim Erhalt des DP-Status. Analysiert werden die vier Verwaltungsphasen des Lagers: die der UNRRA, der PC-IRO, der IRO und des Bayerischen Staatsministeriums für Flüchtlinge.
Auf Basis der Alltagsgeschichte-Methodik wird die Mikrogeschichte des Lagers unter folgenden Aspekten untersucht: der Lagerort (Vor- und Nachnutzung), die Versorgung mit Unterkunft, Essen, Bekleidung und Medikamenten; das Sozialwesen sowie die Bildung und Kultur im Lager, zum Beispiel Lagerschulen, die orthodoxe Lagergemeinde / Kirchen, Sport- und Kulturvereine, die Bibliotheken (IMKA sowie die gespendete Bibliothek von Großfürst Vladimir Kyrillowisch), politische Gruppierungen.
Anhand von Oral History-Interviews werden folgende Aspekte dargestellt: Kriegserfahrungen und Wege ins Lager und aus dem Lager, Wahrnehmungen der Nachkriegszeit, das Verhältnis zu den Amerikanern als Retter, zu deutschen Einheimischen sowie zu anderen konfessionellen und nationalen Gruppen im Lager. Als Quellen dienen zudem Alltagserzeugnisse, zum Beispiel zahlreiche Fotos, Dokumente, Tagebücher, Briefe und DP-Zeitungen.

Christian Höschler (Bad Arolsen): „Now that the ‘cold war’ has become hot...“: Der Umgang mit unbegleiteten DP-Kindern zwischen München und Bad Aibling, 1950–1951

Die Ereignisse rund um die Gruppe der Displaced Persons (DPs) nach 1945 spielten sich im frühen Kalten Krieg ab. Dabei war auch der Umgang mit unbegleiteten DP-Kindern umstritten. Sollten diese repatriiert werden? In Deutschland verbleiben? Zur Adoption in einem anderen Land freigegeben werden? In diesen Fragen kollidierten die Interessen alliierter Besatzungsbehörden, internationaler Hilfsorganisationen und deutscher Stellen. Die betroffenen Kinder hatten zudem eigene Vorstellungen von ihrer Zukunft. Am Beispiel eines 1950 vom Hohen Kommissar der USA verabschiedeten Gesetzes („Repatriation and Resettlement of Unaccompanied Displaced Children“) beleuchtet der Beitrag den Versuch, Einzelfallentscheidungen auf Basis eines demokratischen Rechtsinstruments zu fällen. In der Folge fanden hunderte Gerichtsverfahren in München statt, in denen über den Verbleib jener DP-Kinder entschieden wurde, die sich im IRO Children’s Village Bad Aibling aufhielten. Dabei lässt sich feststellen, dass der Ost-West-Konflikt zwar ein wichtiger, aber nicht der alleinige Faktor war, wenn es um die individuelle Zukunft der Kinder ging.

Piritta Kleiner (Friedland): Vergessene Orte der Münchner Nachkriegsgeschichte: des ehemalige KZ-Außenlager Allach

Der Außenlagerkomplex Allach war eines der größten Außenlager des Konzentrationslagers Dachau und das zentrale Lager in einem vernetzten System von Außenlagern. Auch nach der Befreiung des Lagers blieb dieser Ort nicht unbewohnt, bis in die späten 1960er Jahre lebten auf dem Gelände fast durchgehend Menschen im Transit: Displaced Persons, Kasernenverdrängte, Vertriebene aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa sowie zum Ende auch geflüchtete DDR- Bürger. Für circa ein Jahr existierte dort auch das Bundesauswandererlager München-Karlsfeld.
Es handelte sich um eines von drei Auswandererlagern in ganz Deutschland, die kurzzeitig speziell für die Emigration von Vertriebenen in die USA eingerichtet wurde. Der Vortrag gibt einen Einblick in die weitestgehend vergessene und lange unerforschte, wechselvolle Geschichte der verschiedenen Nachkriegslager und seiner Bewohner*innen an diesem Ort.

Panel 4: Jüdische DPs in der Münchner Stadtgesellschaft

Anna Holian (Arizona): Setting Up Shop in Postwar Munich: Polish Jewish Livelihoods between Continuity and Rupture

After the Second World War, many Polish and other Eastern European Jews found themselves living in Munich and its surroundings. While most remained temporarily, others settled semi-permanently, becoming an important part of the city’s postwar, post-Holocaust Jewish community. But how did these newcomers support themselves, especially over the long term? Research on Jewish economic life in Munich has thus far focused largely on the early postwar period, especially the infamous Möhlstrasse market in Bogenhausen. The landscape of Jewish economic activities was much broader, however. This presentation examines Polish Jewish livelihoods in Munich from the first postwar years through the 1980s. It focuses on small businesses, the backbone of Jewish economic life. I look at how Jews got into business, what challenges they faced, how they drew on their own and their family’s previous business experiences, and how they fared over the long term. I also reinterpret the Möhlstrasse as a site of small business activity and argue that fear of competition from Polish Jewish merchants rather than black marketeering per se was the main motivation for the public campaign against the street.

Jutta Fleckenstein (München): Displaced Artists - Maximilian Feuerring und die Kunst-Ausstellungen in der U.S. amerikanischen Zone

Im Archiv der Städtischen Galerie Lenbachhaus befindet sich eine 22-seitige Broschüre, dreisprachig englisch, deutsch und jiddisch. Herausgegeben im Herbst 1948 vom Kulturamt beim Zentralkomitee der befreiten Juden in der US. Zone Deutschland, dokumentiert sie eine Ausstellung der Jüdischen Künstler. Gelistet sind die Werktitel von Maximilian Feuerring, Ewa Brzezińska, Leon Kraicer, Pinkus Schwarz und Hirsch Szylis, insgesamt werden 165 künstlerische Arbeiten aufgeführt.
Der Vortrag beschreibt eine biographische Spurensuche nach den Künstlerinnen und Künstlern der Sche’erit Hapleta, die entwurzelt durch den Holocaust, einen erzwungenen Zwischenort in der US-amerikanischen Zone gefunden hatten. Welche künstlerischen Arbeiten schufen sie jenseits des Unsagbaren und stellten sie aus? Außerdem wird betrachtet, welche Rolle die bildenden Künstler in der Gesellschaft der Displaced Persons (DPs) in München einnahmen, dem Ort, der bis zur Gründung der Staates Israel 1948 quasi als vorübergehende Hauptstadt der jüdischen Überlebenden aus Osteuropa galt.

Katarzyna Person (Warschau): The practices of honor courts and the communal life of Jewish DPs in the Munich area

My paper will discuss daily practices of Jewish honor courts in the DP camps in Munich and its environs. These courts allowed Jewish communities to sit in judgment of their own without having to resort to intermediaries between the occupational army administration and international relief organizations, and the German judicial system. Aside from its primary aim of establishing justice, DP trials played an important role in building a community of survivors coming from different parts of Europe. The trials might have been held in the geographically distant place, but they had an organic, intimate connection to the location where the crimes happened.

Panel 5: München als Schauplatz im Kalten Krieg

Paula Oppermann (München): Imagined Community im Kalten Krieg? Das Zentralkomitee der Letten in Bayern und die lettischen Flüchtlinge in München

Bei Kriegsende fanden sich etwa 120 000 – 180 000 lettischen Bürger:innen in den Besatzungszonen, die Mehrheit von ihnen in Bayern. Es etablierte sich eine selbstbewusste lettische Exilgemeine in der Bundesrepublik, deren Verteter:innen sich für die Unabhängigkeit ihres Landes und die Erhaltung der lettischen Kultur einsetzten. Die Gemeinde war keineswegs homogen: Sie bestand aus denjenigen, die bei Kriegsende evakuiert wurden oder geflohen waren, ehemaligen KZ-Häftlingen, unter ihnen auch Juden und Jüdinnen, und Soldaten, die bis zuletzt an der Seite der Deutschen gekämpft hatten. Der Vortrag befasst sich mit der sozio-kulturellen Struktur der Mitglieder der lettischen Diaspora am Beispiel Münchens. Wurden einstige politische Gegner im Hass auf die sowjetischen Besatzer ihrer Heimat geeint? Welche Rolle spielten die politischen Vertreter:innen der Gemeinde beim Konsolidierungsprozess? Waren diese Themen im Alltag der Lett:innen in Deutschland relevant? Mit Blick auf ausgewählte Vertreter des Zentralkomitees zeigt der Vortrag, dass wesentliche Ideen von einer lettischen Gemeinschaft bereits während oder vor dem Weltkrieg bestanden und in der Diaspora fortgesetzt wurden.

Karolina Novinšćak Kölker (München): Auf jugoslawischen Sonderwegen: Von DPs zu Exilant:innen und Gastarbeiter:innen in München

Der Vortrag erörtert die Entwicklung der Migrationsbewegungen aus Jugoslawien (1945-1991) mit dem Schwerpunkt Kroatien nach Bayern/München im Zeitraum von 1945 bis zur Einwanderung der Arbeitsmigrant:innen in den 1960er und 1970er Jahren, als jugoslawische Staatsbürger:innen zur stärksten Ausländer:innengruppe der Stadt München wurden. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in München ein Zentrum antijugoslawischer und antikommunistischer Exil-Organisationen. Auf Grundlage statistischer Analyse, Lebensgeschichten sowie Quellen von Migrantenselbstorganisationen werden die Rückwirkungen nationaler und internationaler Migrationsregime auf das Leben der zugewanderten Menschen aus Kroatien in Bayern/München in den verschiedenen Phasen ihrer Migrationsgeschichte vorgestellt. Wie veränderte sich die Migrationspolitik des Herkunftsstaates gegenüber seinen Auswander:innen — den Displaced Persons, politischen Exilant:innen und Arbeitsmigrant:innen sowie die Immigrationspolitik des deutschen Staates gegenüber den Einwander:innen aus Jugoslawien? Wie gestalteten sich die transnationalen Beziehungen und Praktiken der Menschen in Bewegung und ihrer Selbstorganisationen im Untersuchungszeitraum?

Anna Bischof (München): Kalter Krieg im Äther. Radio Free Europe und Radio Liberty in München

Mit der Ansiedlung der Sender Radio Free Europe und Radio Liberty in München entwickelte sich die bayerische Landeshauptstadt Anfang der 1950er Jahre rasch zu einem Schauplatz des Kalten Kriegs und einem Zentrum antikommunistischer Emigration aus dem östlichen Europa. Die von Emigrant*innen produzierten Rundfunksendungen dienten sowohl der psychologischen Kriegsführung der USA, sie waren jedoch gleichzeitig auch über viele Jahrzehnte eine der wenigen Quellen für alternative Berichterstattung für viele Menschen in Ostmittel- und Osteuropa. Dieser Vortrag erläutert die politischen Hintergründe und die Tätigkeit der US-amerikanischen Rundfunksender sowie die Auswirkungen deren Anwesenheit auf die Stadt München.

Panel 6: München als Standort der Osteuropaforschung

Tobias Weger (München): München und die deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas nach 1945

Bereits 1930 war in München das Institut zur Erforschung des deutschen Volkstums im Süden und Südosten ins Leben gerufen worden, dessen Schwerpunkt ganz im Geiste des seinerzeitigen Umgangs mit „Auslandsdeutschen“ auf der Erforschung „deutscher Volksgruppen“ im südöstlichen Europa lag. Dieses Institut wurde zur Wirkungsstätte des jungen, selbst aus Ungarn nach München zugewanderten Historikers Fritz Valjavec (1909–1960), dessen wissenschaftliche und politikberatende Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs bis heute Gegenstand kontroverser Interpretationen ist. Nach 1945 gingen aus dieser Institution auf Initiative Valjavec‘ gleich mehrere Nachfolgeinstitutionen hervor: das Südost-Institut (SOI) als Einrichtung der allgemeinen Südosteuropa-Forschung, die Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG) als Fachverband und das Südostdeutsche Kulturwerk (SOKW), in dem sich Kulturschaffende (insbesondere Literaten) und Wissenschaftler sammelten, die selbst aus den diversen deutschen Minderheiten der Staaten Südosteuropas stammten und es sich zur Aufgabe machten, die Kultur und Geschichte ihrer jeweiligen Herkunftsregionen, die von Umsiedlung, Aussiedlung, Flucht und Vertreibung betroffen waren, zu erforschen, zu dokumentieren und den Kulturschaffenden in München ein entsprechendes Forum und einen Ansprechpartner zu bieten. Der Beitrag geht der Frage nach, welche Position diese von der Bundesrepublik Deutschland institutionell geförderte Einrichtung im Kontext von Kaltem Krieg und Vertriebenenkulturarbeit einnahm. Ein weiterer Punkt ist die Einbindung in entsprechende kulturelle Netzwerke aus Literaturbetrieb, Verlagen, „südostdeutschen“ Landsmannschaften und der Ludwig-Maximilians-Universität, die sich in München nach 1945 entspannen (etwa der Kreis um den aus Siebenbürgen stammenden, aber schon seit 1936 in Starnberg lebenden Schriftsteller Heinrich Zillich). Ein Ausblick reicht bis zum Ende des Kalten Krieges, als das SOKW in eine nach zeitgemäßen Kriterien arbeitende wissenschaftliche Einrichtung umgewandelt wurde – das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropa (IKGS).

Peter Hilkes (München): Die Ukrainische Freie Universität in München und ihr Stellenwert in der Osteuropa- und Ukraineforschung. Entwicklung und Einblicke aus aktueller Sicht

Die Ukrainische Freie Universität (UFU) blickt seit ihrer Gründung vor einhundert Jahren auf eine wechselvolle und aus der Sicht nicht nur der historischen Forschung auf eine sehr bedeutsame Entwicklung zurück. Diese war durch das Bemühen gekennzeichnet, vor allem für die außerhalb der Ukraine lebenden ukrainischen Communities als eine Einrichtung der Diaspora zu fungieren, die ukrainerelevante Themen in Forschung und Lehre vertreten hat. Dies galt ab 1921 in Prag und seit 1945 in München. Trotz schwieriger politischer Rahmenbedingungen und begrenzter finanzieller Unterstützung hat die UFU ihr Fortbestehen gesichert, insbesondere durch Fördermittel aus der nordamerikanischen Diaspora – und dies in der Sowjetzeit sowie seit 1991 im Zeichen der Unabhängigkeit der Ukraine.
Während der Sowjetzeit ist es der UFU gelungen, die Arbeit an ukrainerelevanten Themen in ausgewählten Disziplinen aufrechtzuerhalten und auch weiterzuentwickeln. Seit den 1970 er Jahren – im Rahmen der Osteuropaforschung in Deutschland spielten bis zu Beginn der 1980er Jahre mangels Zugang und Interesse sowie einigen Ausnahmen Nationalitätenfragen eine eher untergeordnete Rolle – bestehende Verbindungen zu nordamerikanischen Einrichtungen in Forschung und Lehre haben der UFU wichtige Impulse übermittelt. Das Ende der UdSSR bedeutete für sie durchaus eine Neuorientierung, wurden nun Kontakte, Austausch oder gemeinsame Vorhaben und Publikationen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen in der Ukraine möglich. Sie ist dadurch für Studierende und Dozentenschaft zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden. Zunehmend hat sie Verbindungen zu wissenschaftlichen und Hochschuleinrichtungen in Deutschland genutzt, um die Öffnung für Kooperationen und gemeinsame Aktivitäten voranzutreiben. Durch den Krieg Russlands in der Ukraine sowie den mit der Informations- und Vermittlungsfunktion der Universität verknüpften Anforderungen an die Einrichtung hat sie zusätzliche Relevanz erhalten. Durch die Tatsache dass die Studierenden der UFU bei der Lösung von Integrationsfragen nicht nur in Deutschland eine wichtige Rolle spielen, rückt die Einrichtung und ihren besonderen Stellenwert in den Fokus. Gleichzeitig wird der Blick auf ihre Entwicklung vor allem seit 1945 gelenkt, die es in vielen Teilen noch zu „entdecken“ gilt.

K. Erik Franzen (München)

Titel und Abstract folgen in Kürze.