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Das Klavier brennt länger?

Bericht über ein deutsch-russisches Projekt zur Erforschung von Orten des Gedenkens an »Opfer politischer Repressionen« in Deutschland und Russland

Ekaterina Makhotina, Johannes Dafinger

Was ist der Unterschied zwischen einer Geige und einem Klavier? Scherzhaft wird auf diese Frage häufig erwidert: Das Klavier brennt länger.

Zumindest intuitiv wird man dieser Antwort sofort zustimmen. Wenn sie trotzdem überrascht, dann liegt das an der Ignoranz, die hier den beiden Musikinstrumenten entgegengebracht wird. Außer in Zeiten der Not denkt wohl nur der Kunst- oder Kulturbanause beim Anblick eines Klaviers an seinen Brennwert.

Gedenkstätten in Russland und Deutschland, die an Opfer der Unterdrückungsapparate des nationalsozialistischen Deutschland, der stalinistischen Sowjetunion und der DDR erinnern, werden bisweilen mit ähnlicher Ignoranz miteinander verglichen. Etwa, wenn nur auf ihre Größe und finanzielle Ausstattung geachtet wird, um daraus eine defizitäre Aufarbeitung der Vergangenheit in Russland zu schlussfolgern.

Das Projekt

GruppeEine Gruppe von Studierenden aus München und St. Petersburg hat in den vergangenen zwölf Monaten den Versuch gemacht, angemessenere Indikatoren zu finden, mithilfe derer erforscht werden kann, wie sich die Erinnerung an den Stalinismus im heutigen Russland sowie an die nationalsozialistische Diktatur, die russische Besatzung und die SED-Diktatur im heutigen Deutschland in den Gedenkstätten der beiden Länder widerspiegelt. Finanziell unterstützt von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« konnten die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer unter der Leitung von Ekaterina Makhotina (LMU München) am Beispiel der folgenden vier Gedenkstätten dieser Frage nachgehen:

  • Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Oranienburg
  • Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Berlin
  • Gedenkstätte Levašovo, St. Petersburg
  • Gedenkstätte Sandormoch, Medvež’egorsk

Projektergebnisse

Im Laufe der Projektarbeit mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, wie schwer es ist, die Antwort »Das Klavier brennt länger« nicht zu geben, aber gleichzeitig auch nicht den Fehler zu machen, die tatsächlich bestehenden Unterschiede zu nivellieren. Geige und Klavier sind zwar beides hölzerne Musikinstrumente, doch unterscheiden sie sich in Bauart, Klangfarbe und in der Art und Weise, wie man auf ihnen spielt. Genauso unterscheiden sich die im Projekt untersuchten Gedenkstätten in ihrer äußeren Anlage und ihrer Grundkonzeption, und sie werden unterschiedlich »bespielt«.

Levashovo

Beispielhaft seien hier drei Teilergebnisse des Projektes vorgestellt:

1. Gedenkorte vs. Lernorte

Es fällt auf, dass die im Projekt untersuchten Orte in Deutschland in erster Linie Orte der Information sind, in Russland Orte des Gedenkens. In Deutschland wird die Geschichte des Ortes in aller Regel in Ausstellungen und Museen am Schauplatz selbst erklärt, in Russland fehlen solche Einrichtungen meist. Zwei Gründe für diesen Unterschied sind denkbar: Erstens fehlt in Russland die staatliche (finanzielle) Unterstützung für die Einrichtung von Museen. Zweitens besteht in Russland keine Einigkeit darüber, wie die dunklen Kapitel der sowjetischen Vergangenheit erinnert werden sollten. Dem GULag-System können noch heute viele Menschen in Russland durchaus positive Seiten abgewinnen.

2. Orte des Sakralen vs. Orte des säkularen Erinnerns

Gedenkstätten sind oft Orte sozialer Praktiken des Totengedenkens. In der Projektarbeit wurde untersucht, inwieweit diese Praktiken an den Gedenkorten in Deutschland und Russland religiös konnotiert sind. Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass in russischen Gedenkfriedhöfen die religiöse bzw. konfessionelle Komponente einen zentralen Platz einnimmt. Das pietätvolle Opfergedenken steht im Vordergrund, die Erinnerung an die Opfer wird also sakralisiert. Ganz anders an den Gedenkorten in Deutschland: Hier steht die Information im Vordergrund, und die Semantik der Gedenksteine spricht eine säkulare Sprache.

3. Täterdiskurse in Deutschland und Russland: Sprechen vs. Schweigen?

Die im Projekt untersuchten Gedenkorte problematisieren die Opfer- und Täterthematik in unterschiedlichem Ausmaß und mit unterschiedlicher Akzentsetzung, und sie bedienen sich unterschiedlicher Ikonographie. In den Ausstellungskonzepten der beiden untersuchten Gedenkstätten in Deutschland sind die Täter mit Biografien bzw. mit Bildern präsent. Man kann daran erkennen, dass an beiden Gedenkorten auf die kritische Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Repressionsstaates Wert gelegt wird. Anders sieht die Situation an den Gedenkorten in Russland aus: Hier werden einzelne Täter nicht benannt; es bleibt unbestimmt, wer die Schuld an die Massenexekutionen hatte. Einen Erklärungsansatz für eine solche marginale Darstellung der Täter in den Gedenkstätten in Russland bietet die Beobachtung, dass in Russland eine öffentliche Verurteilung der sowjetischen Geheimpolizei bis heute nicht erfolgte. Außerdem muss man bedenken, dass es sich bei den beiden Gedenkorten in Russland um Orte der Pietät und des Totenandenkens handelt, an denen die ikonographische Präsenz der Täter unerwünscht ist.

Eine lange Erkenntnisreise: Welcher Opfer gedenken – und in welcher Form?

Für die Gruppe war die Projektarbeit eine lange Erkenntnisreise, während der so manches vorgefasste Bild von der russischen wie deutschen Erinnerungslandschaft korrigiert werden musste. Das beginnt bereits beim Projekttitel: Er spricht von »Opfern politischer Repressionen«. In Deutschland lösten ähnliche Termini (»Opfer politischer Gewaltherrschaft«, »Opfer der beiden deutschen Diktaturen«), die als Oberbegriff für sowohl unter dem Nationalsozialismus als auch in der DDR Verfolgte eingeführt wurden, in den letzten Jahren wiederholt heftige Diskussionen aus. Einige Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer sahen in einer derartigen Formulierung eine »pauschalisierende und verwischende Redeweise«, bei der das Leiden der Opfer »entkontextualisiert« und somit die beiden Diktaturen gleichgestellt werden. Man würde somit die Gefahr laufen, eine »Waagschalen-Mentalität« (Salomon Korn)  attestiert zu bekommen.

Die gemeinsame Auseinandersetzung mit den Gedenkorten machte die unterschiedlichen Nuancen in den Opferdiskursen der beiden Länder deutlich. Dabei wurde ihre Dynamik und Eigenlogik gerade an den ausgewählten »mehrschichtigen« authentischen historischen Orten und Gedenkstätten erst richtig greifbar. Die »Opfer-Frage« bildete einen der Kernpunkte der Diskussionen und Auseinandersetzungen im deutsch-russischen Projektteam: Wie sollen der Gedenkort und die Gedenkzeremonie an einem historischen Ort, an dem sowohl die unschuldigen, passiven Opfer der Gewalt als auch aktive Widerstandskämpfer sowie ehemalige Täter liegen, aussehen?

Hubertus KnabeVor allem die Gedenkorte in Russland zeigen, dass eine nach konfessionellen Standpunkten partikularisierte Erinnerung die gängigste Erinnerungsform ist. Dieser an sich entpolitisierte Ansatz zum Gedenken, bei dem die Träger der Erinnerung die religiös-konfessionellen Gemeinden sind, ist nicht unproblematisch, da unter diesen Bedingungen dem Gedenkort der Charakter einer institutionalisierten Gedenkstätte abgesprochen wird. Ohne Mahnfunktion wird der historische Ort zu einem schlichten Friedhof mit der christlichen Botschaft, allen Toten zu verzeihen und ihrer zu gedenken. Die Frage, ob dies die richtige Gedenkform ist, war eine der umstrittensten Fragen im Projektteam, wobei man die divergierenden Positionen nicht an den nationalen Grenzen festmachen kann.

Ein weiteres spannendes Thema der Debatten war das nach den Initiativträgern der Denkzeichen: Ist der Staat, der sich - wie es im Fall Russlands - als Rechtsnachfolger eines totalitären bzw. autoritären Staates sieht, berechtigt, Mahnmale in diesem Kontext aufzustellen? Wie angemessen ist die Aufstellung unterschiedlicher konfessionellen Zeichen auf engem Raum, was unweigerlich dazu veranlasst, ein »Feld des Gedenkens« (z.B. in Sandormoch) als ein Kampfplatz der Opfergruppen zu interpretieren? Wie schützt man die vielen individuellen Gedenkzeichen, die zum Gestaltungskonzept der Gedenkstätten Russlands gehören, für die Zukunft?

Offene Fragen

Nicht erschöpfend diskutiert wurde die Frage, ob die pauschale Kategorisierung der Erinnerungskulturen in eine selbstkritische und eine selbstverliebte Beschäftigung mit der Geschichte des eigenen Landes sinnvoll sein könnte. SandormochBetrachtet man die kulturelle Ebene der Erinnerung, dann fällt auf, dass in Deutschland das Gedenken an deutsche Opfer der sowjetischen Nachkriegspolitik durch einen strengen Filter des aktuellen geschichtspolitischen Diskurses gezogen wird, wie die lang anhaltende Diskussion um das öffentliche Erinnern an einen Arzt des Speziallagers in der heutigen GuM Sachsenhausen zeigte. Anders sieht der Rahmen des Sagbaren in Russland aus, wo die ehemaligen NKWD-Mitarbeiter, die sich selbst schuldig gemacht haben, bedenkenlos in das Opfergedenken eingeschlossen werden. Gleichwohl wäre es falsch, Deutschland die selbstkritische, Russland die selbstverliebte Beschäftigung mit der eigenen Geschichte zu attestieren, denn selbstverständlich findet man genauso in Russland zahlreiche Beispiele für kritische individuelle Erinnerungen der Geschichte des eigenen Landes wie man in Deutschland kritikabweisende Aussagen über die eigene Diktaturerfahrung finden kann.

Manchmal, so zeigt sich, brennt eben auch die Geige länger.

...und als Perspektive...

Johannes DafingerDie Ergebnisse der Projektarbeit, die sich mit den o.g. Fragen der Differenzen und Analogien, Erinnerungskonflikten und Gedenkformen, Opfer-, Täter, und Heldendiskursen beschäftigen, sollten 2009 in einem Sammelband erscheinen. Die Publikation besteht aus den Arbeitsberichten Münchener und St. Petersburger Projektteilnehmer, die im Rahmen einer zweitägigen Konferenz im Mai 2008 in München der Öffentlichkeit präsentiert wurden.