Elitestudiengang Osteuropastudiien
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Studien-Exkursion nach Istanbul im Mai 2015

08.06.2015

 Programm (PDF-Datei mit 207 KB)

bosporus

Ende Mai 2015 machten sich Studenten und Lehrende der Neogräzistik, der Geschichte Südosteuropas, der Byzantinistik und des Elitestudienganges Osteuropastudien auf zu einer Exkursion nach Istanbul. Diese fand im Rahmen des Seminars „Istanbul als Megacity im Zeitalter der europäischen Aufklärung“ statt, das gemeinsam von Prof. Dr. Ioannis Zelepos, Prof. Dr. Marie-Janine Calic und Prof. Dr. Albrecht Berger angeboten wurde. Die Organisation der Exkursion übernahm Frau Dr. Anna Vlachopoulou (ESG Osteuropastudien/ Türkische und Osmanische Studien). Inhaltlich standen im Seminar vor allem die Verflechtungen zwischen Istanbul als Hauptstadt des Osmanischen Reiches mit Südost-und Westeuropa im Zentrum, die wir anhand von verschiedenen Themen, etwa dem byzantinischen Erbe, den Rollen der religiösen Minderheiten und Beschreibungen von Istanbul in europäischen Reiseberichten diskutierten. Im Rahmen der Exkursion wurde jedoch auch die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage der Türkei und Istanbuls thematisiert.

 Fahnen

 Unser Besuch fiel mitten in die heiße Phase des Wahlkampfes für die Parlamentswahlen am 7. Juni 2015. Das bemerkten wir schon auf der Strecke vom Flughafen zum Hotel, die mit Fahnen der Regierungspartei AK Parti geschmückt war. Schon am ersten Abend gingen wir in einem Hintergrundgespräch mit Dr. Cüneyt Ülsever näher auf die bevorstehenden Wahlen ein. Als ehemaliger Journalist der türkischen Boulevardzeitung „Hürriyet“ ist er bestens mit der aktuellen politischen Lage vertraut. In einem „Akt der Selbstzensur“ kündigte die Zeitung in den 2000er Jahren vielen liberalen Journalisten, darunter 2010 auch Ülsever, der damals über Medienpolitik, Innenpolitik und regelmäßig über die Parlamentswahlen schrieb. Er beschrieb uns eindrücklich die aktuelle Gemengelage vor den diesjährigen Wahlen in der Türkei, bei der schließlich die Ergebnisse der mehrheitlich kurdischen Partei HDP (Halkların Demokratik Partisi - dt. Demokratische Partei der Völker) über die Zukunft des politischen Systems entscheiden sollten. Würde die HDP nicht ins Parlament gewählt , könnte es womöglich eine Umstellung des politischen Systems zu einem präsidentiell-autoritären geben . Ülsever zufolge befindet sich die Türkei in einem Kulturkampf zwischen säkularen und religiös-islamischen Kräften.

Er riet uns, genau darauf zu achten, wie die Menschen in einem bestimmten Viertel angezogen sind.Schon am nächsten Morgen hatten wir die Gelegenheit diesen Rat zu befolgen. Auf einem Spaziergang durch den von vielen frommen Muslimen bewohnten Stadtteil Fatih, in dem sich auch viele der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt befinden, begegneten uns viele Personen in traditionellen Gewändern und mit Kopfbedeckungen. Nach der Besichtigung der dort gelegenen grandiosen Süleymaniye-Moschee aus dem 16. Jahrhundert besuchten wir die dem Moschee-Komplex zugehörige Süleymaniye Bibliothek, die mit ca. 70.000 Manuskripten eine der größten Sammlungen osmanischer Handschriften in der Türkei unter ihrem Dach vereint. Zwei dort beschäftigte Historiker, Celal Volkan Kaya und Mehdi Yenidoğan, führten uns in die Möglichkeiten ein, die die Bibliothek für die Erforschung der osmanischen Geschichte bietet.

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Ein Ziel der Exkursion war es auch, den Studierenden Perspektiven für eigene Forschungsaufenthalte in der Türkei zu zeigen. Diesem Thema war fast der gesamte dritte Tag gewidmet, der mit einem Spaziergang von der Galata-Brücke über das Goldene Horn und durch den ehemals vor allem von Europäern bewohnten Stadtteil Pera begann. Erste Station war das Koç University Research Center for Anatolian Civilizations, einer Einrichtung, die u.a. Forschungsstipendien an Postgraduierte wie auch fortgeschrittenere Wissenschaftler vergibt, die sich in Archäologie, Kunstgeschichte, Geschichte und verwandten Disziplinen mit der Türkei vom Neolithikum bis zur Osmanischen Zeit beschäftigen. Dort sprachen wir mit Merve Demirbaş, der Fellowship-Koordinatorin, die uns das Programm dieser Institution näher erläuterte. Weiter ging es mit einem Besuch beim Deutschen Archäologischen Institut, das sehr repräsentativ im Gebäude des deutschen Konsulats untergebracht ist. Dessen zweiter Direktor, Dr. Martin Bachmann, führte uns in die mehr als hundertjährige Geschichte deutscher archäologischer Forschung auf dem Gebiet der heutigen Türkei ein. 

Am Nachmittag waren wir dann zu Gast beim Orient-Institut Istanbul, wo uns Dr. Richard Wittman, der stellvertetende Direktor des Instituts, die Arbeit dieser Regionalforschungseinrichtung erläuterte. Die letzte Forschungsinstitution des Tages war schließlich das von der Organization of Islamic Cooperation(OIC) im Jahr 1980 eingerichtete Research Centre for Islamic History, Art and Culture (IRCICA), wo uns Dr. Sadik Ünay die islamische Kulturarbeit dieser internationalen Einrichtung erklärte.

Den Tag schlossen wir mit einem sehr interessantenTreffen mit der Regisseurin Nefin Dinc ab, das in einem Café mit einem malerischen Blick auf den Bosporus stattfand. Frau Dinc begleitete die tage- und wochenlangen Proteste auf dem Taksim-Platz, die sich gegen die Bebauung des angrenzenden Gezi-Parkes richteten, mit ihrer Kamera. Sie filmte Demonstranten, Polizisten und weitere Akteure und konnte bei ihrer Arbeit eindrückliche Szenen einfangen. Da ihre Produktionsfirma von Staatsaufträgen abhängig ist und die Gezi-Park-Proteste immer noch ein Tabuthema in vielen türkischen Medien sind, konnte sie ihre Aufnahmen bislang nicht als Film präsentieren. Im Gespräch ging sie auch kritisch auf die mediale Berichterstattung in der Türkei ein. Während auf dem Taksim-Platz Personen erschossen wurden, sendete CNN-Türk eine Dokumentation über Pinguine. Umso beeindruckender sei es, welche Diversifizierung und Mobilisierung die Proteste in den darauffolgenden Tagen begleitete: Muslimische Gruppen demonstrierten neben Fußball-Fans der großen drei Istanbuler Fußballvereine und die wiederum neben den LGBT-Vertretern, so Dinc.

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Am Wochenende absolvierten wir ein eher touristentypisches Programm und besuchten die Chora-Kirche mit ihren weltberühmten Mosaiken und Fresken, die Patriarchatskirche sowie das Hagia Sophia-Museum und den Topkapi-Palast. An jedem Ort versorgten vorbereitete Referate der Studierenden die Gruppe mit Hintergrundinformationen.

Am Montag trafen wir bei einem Besuch der Boğaziçi-Universität auf den Osmanisten Dr. Edhem Eldem, der die Gruppe mit einem sehr lebendigen Vortrag zu türkischer Geschichtspolitik begeisterte. Er erzählte uns zudem von dem Exoten-Status der am amerikanischen Bildungssystem orientierten Universität und stellte uns die verschiedenen Fakultäten der Universität vor. Auch berichtete er darüber, wie das Departement für Geschichte versucht hatte, eine Konferenz zur Armenien-Frage zu organisieren und diese tatsächlich auch durchführen konnte. Eldem gehört mit seinem Forschergeist und seinem Engagement sicher zur Avantgarde der türkischen Historiker.

Nach diesem eindrucksvollen Treffen machten wir einen langen Spaziergang entlang des Bosporus zum Stadtviertel Ortaköy.

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Am vorletzten Tag unseres Besuches standen zwei weitere wichtige Treffen auf dem Programm. Mit Prof. Mehmet Hacisalihoglu (Department of Political Science and International Relations, Yildiz Technical University) führten wir eine politische Diskussion über das Thema des sogenannten Islamischen Staates (IS), der laut Hacisalihoglu zunächst von den türkischen Behörden unterschätzt und als Gegenspieler gegenüber den Kurden und dem syrischen Diktator Assad angesehen worden sei. Die Entwicklung, die die Miliz vollzogen hat, sei seiner Einschätzung nach nicht vorhersehbar gewesen. Ein sehr interessante Aussage bezog sich auf die Beziehungen Russlands und Chinas zur Türkei, welche von Pragmatismus geprägt seien, obwohl sie viel Stoff für Konflikte bergen würden – die turksprachige Minderheit der Uiguren in China werde nicht besonders gut behandelt und auch die Krim-Tataren seien durch die Krim-Annexion einmal mehr in den Fokus der Weltöffentlichkeit gelangt.

 buergermeisterDanach trafen wir uns mit Hayri Inönü, dem Bürgermeister des Stadtteils Şişli, der alleine mehr Einwohner hat als die Stadt Nürnberg. Inönü gehört, in einer weitgehend von Kandidaten der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi -dt. Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) regierten Stadt, der sozialdemokratischen und kemalistischen Partei CHP (Cumhuriyet Halk Partisi - dt. Republikanische Volkspartei) an. Als Teil einer Familie mit kemalistischer Tradition ist Herr Inönü in Şişli einer der CHP-Kandidaten mit den besten Wahlergebnissen. Traditionell kann die CHP in den größeren Städten mehr Prozentpunkte gewinnen als in ländlichen geprägten Regionen. Die Hauptthemen, die uns interessierten, waren auch die Themen, die den Wahlkampf in Teilen bestimmt hatten: Die Situation der 4,5 Millionen Flüchtlinge in der Türkei (gegenüber stehen 200.000 Asylanträge in Deutschland im Jahr 2014) und das Thema Gentrifizierung. Laut Inönü besitzt der Stadtteil keine Wohnheime für Flüchtlinge und so käme es, dass ein Großteil auf den Straßen der Stadt leben müsse. Im Stadtteil aber würden immer mehr riesige Bürokomplexe errichtet und Wohnraum würde immer unbezahlbarer, wie uns der Stadtteilbürgermeister berichtet.
Der Morgen des letzten Tages stand zur freien Verfügung der Studenten und wurde von den meisten genutzt, um Präsente und Souvenirs für Daheim zu erstehen. Nach einer interessanten und erlebnisreichen Woche ging es dann zurück nach München und Regensburg.

 

Text: Enno Strudthoff und Folke Eikmeier
redaktionelle Bearbeitung: Julia Lechler und Dr. Anna Vlachopoulou
Fotos: Folke Eikmeier