Elitestudiengang Osteuropastudiien
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Exkursion zur „donumenta 2011“ nach Regensburg am 22.10.2011

08.11.2011

donumenta 2011: Kalaschnikow und Hasenjagd

Serbiens Kulturszene könnte vielfältiger nicht sein. Davon konnten sich die Studierenden des Elitestudiengangs Osteuropastudien auf der traditionell zum Beginn des Wintersemesters organisierten Exkursion, die in diesem Jahr zur „donumenta“ in Regensburg führte, selbst überzeugen.

Fast 800 Kilometer Luftlinie trennen das bayrische Regensburg von der serbischen Hauptstadt Belgrad. Trotz der Distanz haben die beiden Städte etwas miteinander gemein: Sie teilen die Donau als gemeinsame Lebensader. Obwohl derselbe Fluss durch die beiden Städte fließt, weiß man hierzulande wenig über die umtriebige Kulturszene des Balkanstaats. Das will das Regensburger Festival „donumenta“ ändern. Das Festival für Kunst und Kultur im Donauraum regt den Kulturaustausch über Ländergrenzen hinweg an. Seit 2003 steht jedes Jahr ein anderes Land im Mittelpunkt. Für den Serbien-Schwerpunkt 2011 angelten die Veranstalter im serbischen Donauraum.

2-regensburg-neuGrund genug für uns Studierende eine Zugreise von München nach Regensburg anzutreten. Im „Kunstforum Ostdeutsche Galerie“ tauchten wir in die serbische Avantgardekunst ein. Die Schau „Views : Visions – Sketches of Serbian art after 2000“ widmet sich besonders der „verlorenen Generation“ serbischer junger Künstler, die im Krieg groß geworden ist. Ob Biljana Djurdjevic, Milica Tomic, Ana Adamovic oder Ivan Grubanov – sie alle sind um die 30 Jahre alt und präsentieren in der Ausstellung Werke, die zwischen 2001 und 2011 entstanden sind. Nicht wie erwartet dominieren aber Gewalt, Unterdrückung, Diktatur und Krieg. Stattdessen begegnen wir kritischen bis amüsierten Blicken auf das aktuelle Zeitgeschehen, ironischen Anspielungen auf serbische Politik und Alltag und viele Artefakte, die gar keinen direkten Bezug zur serbischen Heimat herstellen lassen. Der Versuch des Kurators Miroslav Karic, die stereotypen Vorstellungen über Serbien aufzubrechen, scheint durch die thematische Offenheit durchaus gelungen zu sein.

Besonders spannend für uns Osteuropastudierende sind trotzdem all jene Arbeiten, die sich direkt mit Serbien beschäftigen. So etwa die Video-Sequenzen von Milica Tomic: Sie ließ sich dabei filmen, wie sie im Herbst 2009 mit einer Kalaschnikow und einer Plastiktüte bewaffnet durch Belgrad lief. Ob beim Warten an der Ampel, beim Schlendern durch eine umtriebige Fußgängerzone oder dem Spaziergang durch ein Wohnviertel: Die Passanten, die die Kamera einfängt, bleiben regungslos. Ist die Bevölkerung in Belgrad etwa so abgestumpft? Oder gehört eine Kalaschnikow bereits zum Alltag? Emotional fesselnd ist eine Videoarbeit von Ana Adamovic: In „Canzona“ steht der Besucher einem überlebensgroßen Portrait, der Nahaufnahme einer alten Frau gegenüber. Ihr Blick ist zwar geradeaus gerichtet, ihre wässrigen Augen sehen den Betrachter jedoch nicht an. Nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich schweifen ihre Augen in die Ferne. Sie selbst und auch wir Zuseher lauschen der zittrigen Interpretation eines alten italienischen Volksliedes, das die Dame einst selbst gesungen hatte. Wir können durch ihre emotionale Angerührtheit nur erahnen, welche Bedeutung dieses Lied für sie hat.

1-regensburgEinen originellen Gegenpunkt stellt das Projekt "Poetrying/Pesnicenje" im nächsten Raum dar: Texte aus dem Poesie-Workshop des Belgrader Künstlerkollektivs „Skart“ schmücken die Wände, ganz nach dem Motto: Jeder ist ein Künstler! Künstlerisch elaborierter ist der Schlusspunkt der Ausstellung, für viele Studierende auch der Höhepunkt: Die hologrammartige Videoinstallation „Breakfast/Frühstück“ von Dorijan Kolundzija beschäftigt sich mit Fragen menschlicher Existenz und multipler Realitäten.

Ein kurzer Spaziergang durch das schöne Regensburg, versüßt durch charmante Hinweise zur Stadt von unseren Regensburger Kommilitoninnen, führt uns weiter zur nächsten Station der Ausstellung, dem Kulturzentrum „Leerer Beutel“. Dort treffen wir auf die „Hasen-Kunstwerke“ von Nikola Dzafo, die irgendwo zwischen Readymade, Pop-Art, Punk und Cartoon einzuordnen sind. Der Künstler sammelte Zeit seines Lebens über 1500 Artefake zum Thema „Hase“. Das Tier ist für ihn eine Metapher für die Probleme seines Landes. „Rabbit for President!“, fordert eines seiner selbstironischen Werke. Auch das Thema Migration wird in einigen Arbeiten aufgegriffen: In Erinnerung bleibt etwa die Kohlezeichnung „Schwarzarbeit“ von Aleksandar Jestrevic Jamesdin, der bis vor kurzem als Migrant illegal in Berlin arbeitete. Mit Kohle von Briketts brachte er Afrika, den schwarzen Kontinent, zu Papier – und spielt somit in mehrerlei Hinsicht mit dem Begriff.

Nach der Führung werden wir von unseren knurrenden Mägen in das Untergeschoß des „Leeren Beutel“ getrieben, wo bereits ein leckeres Mittagessen auf uns wartet. Bei Speis und Trank lässt es sich gut über die Bedeutung von Hasen-Ready-Mades, Serbiens Kultur und ganz alltägliche Studentenproblemchen diskutieren. Schließlich geht es weiter zum letzten Abenteuer dieses Tages:  Einer gemeinsamen Donauschifffahrt mit den Teilnehmern des „donumenta“-Symposiums, das am gleichen Tag zu Ende gegangen war. Während unser Dampfer ostwärts tuckert, können wir den Tag Revue passieren und unsere Gedanken in die Ferne schweifen lassen. Ahoi! Видимо се! 6-regensburg-neu

Autorin:Anja Reiter