
Oktober 2008 - Frühjahr 2010
Leitung: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, Prof. Dr. Irene Götz, Ekaterina Makhotina, M.A.
19 Studierende aus München und Regensburg unternahmen im April eine einwöchige Entdeckungsreise in die Stadtgeschichte von Vilnius. Die Fahrt war Teil des diesjährigen Projektkurses des Elitestudiengangs Osteuropastudien »Schichten der kulturellen Erinnerungen in Vilnius im 20. Jahrhundert« unter der Leitung von Professor Dr. Martin Schulze Wessel (Geschichte), Professor Dr. Irene Götz (Europäische Ethnologie) und Ekaterina Makhotina, M.A. (Geschichte).
Im alljährlich mit wechselnder fachlicher und thematischer Ausrichtung durchgeführten Projektkurs wird theoretisches Wissen mit der Anwendung praktischer Kompetenzen verbunden. So gingen die aktuell teilnehmenden Studierenden des fünften Studienjahrgangs in der litauischen Hauptstadt der Frage nach, wie sich in Erinnerungskultur und Geschichtspolitik Litauens die Mehrschichtigkeit historischer Räume präsentiert: Wie versteckt sich ein buntes Konglomerat an ethnisch-nationalen Geschichtsbildern im heutigen Stadtbild? Hierbei wurde insbesondere das Vergessene bzw. Wiederentdeckte im Vilniuser Stadtbild erkundet – anhand von Reiseführern, in Gedenkstätten, in Stadt- und Okkupationsmuseen sowie bei persönlichen Gesprächen mit Zeitzeugen. Aus den Ergebnissen ihrer Forschung und ihrer Recherchen werden die Osteuropa-Studierenden ein historisches Stadtbuch erarbeiten, das im Frühjahr 2010 erscheinen wird. In dieser Publikation soll sich die Multiperspektivität des Projektkurses widerspiegeln: Fünf unterschiedliche Geschichten – eine russisch-sowjetische, eine jüdische, eine polnische, eine litauische und eine europäische –, in denen Menschen und Orte zur Sprache kommen, werden parallel zueinander erzählt.
»Schichten der kulturellen Erinnerungen in Vilnius im 20. Jahrhundert« ist ein binationales Kooperationsprojekt: Projektpartner sind Prof. Dr. Alvydas Nikžentaitis, Historiker am Litauischen Historischen Institut in Vilnius, und eine Gruppe seiner Studierender. Unterstützt wird die Durchführung des Projekts von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.
Die diesjährige Kulturhauptstadt Europas Vilnius bietet dem Besucher eine Vielfalt von Gesichtern und Perspektiven. Bedingt durch die historische Erfahrung der Lage im Grenzgebiet zwischen Polen und Russland kann Vilnius als ein Straßburg des Ostens gelten (Tomas Venclova), in dem der multinationale Charakter die urbane Identität prägt.
Auch heute klingen hier noch die Töne des russisch-sowjetischen, des jüdischen und des polnischen historischen Erbes nach. Vilnius ist ein Europa im Kleinen, in dem die Vielfalt der nationalen Zugehörigkeiten auf kleinstem Territorium zu fassen ist.
Im 20. Jahrhundert erlebte die multikulturelle Stadt Vilnius mehrere Brüche, insbesondere infolge der Kriege, die auf diesem Gebiet tobten. Die »Dekade der Gewalt« 1939-1949 hatte tragische Folgen für die Multiethnizität und friedliches Zusammenleben der Kulturen der Stadt. Vor allem der Zweite Weltkrieg war eine Zäsur – sowohl die jüdische Kultur des »Jerusalem des Ostens« als auch das polnische Wilno wurden zur Vergangenheit.
Trotz allem blieben die Erinnerungsorte, die immer noch – oder seit neuestem wieder – die Spuren dieser unterschiedlichen historischen Schichtungen tragen. Im Zusammenspiel unterschiedlicher Stadtidentitäten konkurrieren die ethnischen Gruppen des heutigen Vilnius um das Geltungsrecht ihrer eigenen Meistererzählung auf die Stadtgeschichte.
Nicht nur mit Straßburg, Florenz oder Prag wird Vilnius verglichen: Wegen des hohen Konfliktpotentials unterschiedlicher Geschichtsbilder stellt man es manchmal auch neben Sarajevo. In einem Wechselspiel erscheint mal das jiddisch-jüdische Vilne, mal das polnische Wilno, das russische Vilna, das weißrussisches Vilno und das litauische Vilnius. Die Gruppen ringen um ihre jeweilige Erinnerung, um sie zu schützen und zu bewahren. Diese komplexe Identität der litauischen Stadt Vilnius hat ihre Spuren in der Stadttopographie hinterlassen. Zeugnis davon geben Stadt- und Ansichtskarten, Lehrbücher und Nachschlagewerke aus unterschiedlichen Zeiten, Reiseführer älteren und neueren Datums, autobiographische Memoiren sowie die nähere Betrachtung des heutigen Stadtbilds.
Das Projekt ermöglicht den Osteuropa-Studierenden, sich praxisnah mit Fragen der Erinnerungskultur auseinanderzusetzen. Der arbeitsintensiven Woche in Vilnius gingen im Wintersemester 2008/09 wöchentlich stattfindende Projektkurssitzungen voraus. Hier standen sowohl die theoretischen Grundlagen von Erinnerungskultur, kollektivem Gedächtnis, Geschichtspolitik und museologischer Analyse als auch die aktive Recherche zu Erinnerungsorten in Vilnius und anderen europäischen Städten im Vordergrund: Die Studierenden diskutierten anhand von Präsentationen zentrale Erinnerungsorte ihrer Heimatstädte – die Spannweite reichte von Tomsk bis Aachen.
Vor Ort war dann die Eigeninitiative der Studierenden gefragt. Der Besuch historischer Stätten sowie die Interviews mit Zeitzeugen, Museumsexperten und Gedenkstättenleitern dienten einerseits der Informationsrecherche. Daneben wurden aber ebenso Teamarbeit, Zeitmanagement und journalistische Fähigkeiten eingeübt.
Auf dem Programm standen Erinnerungsorte wie der Antakalnis-Friedhof, der Präsidentenpalast, das Nationalmuseum, der Rassos-Friedhof, das Mickiewicz-Museum, das Jüdische Museum sowie die bekannte Wasserburg Trakai. Daneben führten die Studierenden Gespräche mit Kriegsveteranen, Ghetto-Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Zweiten Weltkrieges.
Oftmals kam man in diesen von großer Gastfreundschaft geprägten Gesprächen an die Grenze des Emotionalen, so dass auf beiden Seiten auch Tränen geflossen sind.
Im zentralen Museum der Stadt, dem Museum für Genozid-Opfer, konnten die Studierenden mit dem Leiter Eugenijus Peikštenis über die Problematik des Begriffes »Genozid« im Museumsnamen diskutieren. Opferkonkurrenz und transnationales Gedenken konnten in der Gedenkstätte Paneriai beispielhaft studiert werden. Die stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums, die Ghettoüberlebende Rachel Kostanian reanimierte in ihrer Führung im ehemaligen Ghetto das ehemals so reiche jüdische Leben in Vilnius.
Der Umgang mit dem sowjetischen historischen Erbe konnte in der Gedenkstätte Pirčiupai im Skulpturenpark des Kommunismus »Grutas«, auf dem Soldatenfriedof Antakalnis sowie im Rahmen einer Stadtführung durch das »sowjetische Vilnius« studiert werden. Dabei kamen die Kontraste im Umgang mit der Sowjetepoche (Bewahren vs. Verdrängen) deutlich zum Vorschein.
Gedächtnisorte allein wären jedoch stimmlose topographische Symbole, würde man sie nicht an die individuelle Erinnerung und Gedenkrituale anknüpfen: Ein besonders wertvoller Teil der Reise waren daher die Gespräche mit den Erinnerungsakteuren – Veteranen der polnischen Armia Krajowa, der Litauischen Nationalen Spezialeinheit und der 16-ten Division der Sowjetarmee. Abgerundet wurde das Programm durch Vorträge litauischer Historiker, Soziologen und Kulturwissenschaftler. So präsentierte die Soziologin Irena Šutiniene die typischen Erinnerungsmuster der unterschiedlichen Veteranengruppen. Der Leiter des Jüdischen Museums, Markas Zingeris, sprach vom Stellenwert der jüdischen Holocaust-Erinnerung im heutigen historischen Selbstverständnis. Einen sehr herzlichen und informativen Empfang erwies der Gruppe die Vilniuser Stadtverwaltung, deren Mitarbeiter ausführlich über die Stadtentwicklung zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert berichteten.
Im Schatten der intensiven Arbeit in dieser ereignisreichen Woche gab es freilich auch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und mit den litauischen Studierenden Erfahrungen auszutauschen. Gespräche über das Studium in Litauen und über das Alltagsleben eines litauischen Studenten waren hier die ersten Schritte des Kennenlernens. Der zweite Schritt dieses Erfahrungsaustausches steht den Studierenden aus Deutschland und Litauen noch bevor. Im Oktober 2009 erwarten die Münchener und Regensburger Studierenden den Gegenbesuch aus Vilnius.
Carol Marmor und Ekaterina Makhotina