
Oktober 2007 - Juli 2008
Premiere im Historicum der LMU: 10. Juli 2008
Leitung: PD Dr. Raoul Eshelman, Dipl.-Journ. Katarina Bader
Der Elitestudiengang Osteuropastudien an der LMU München ist in vielerlei Hinsichten besonders. Ein Schmankerl der besonderen Art ist der alljährliche Projektkurs. In dessen Rahmen haben die Osteuropastudierenden in diesem Jahr Dokumentarfilme über osteuropäische Themen in München gedreht. Und nach zwei Semestern harter Arbeit hieß es am 10. Juli vor einem zahlreichen Publikum endlich: Film ab!
»Filme machen ist doch leicht«, denken sich viele Urlauber und sonstige Laienregisseure. Nicht wenige haben schon einmal Home-Videos gedreht und beim Sichten des Materials feststellen müssen, dass die hyperaktive Bildführung, wilde Zooms, Schwenks und Wackler wenig zum Sehgenuss beitragen. »Wenigstens zeige ich die Wirklichkeit«, würde der Strandurlauber beim Filmen seiner badenden und fröhlich das Wasser in die Höhe werfenden Lebenspartnerin argumentieren. Doch so einfach ist es nicht. Es ist klar, dass bereits die Anwesenheit einer Kamera die Umwelt beeinflusst. Sobald das rote Lichtlein der Kamera leuchtet, beginnt das unausweichliche, nahezu schizophrene Flirten eines modernen und Medien erfahrenen Menschen mit dem Aufnahmegerät.
Vor solchen praktisch-technischen und theoretisch-ästhetischen Herausforderungen standen 18 Studierende der Osteuropastudien zu Beginn des vergangenen Wintersemesters. 18 starke Persönlichkeiten stellten sich auch ihrer eigenen Teamfähigkeit, die obligatorisch in jedes Bewerbungsanschreiben hineingehört. Die Elitestudierenden, die eigentlich Geschichte, Politik, Ethnologie, Rechtswissenschaften, Slavistik oder Volkswirtschaftslehre studieren, sollten innerhalb kürzester Zeit das journalistische Wissen und das technische Handwerk erlernen. Die Leiter des Projektkurses PD Dr. Raoul Eshelman und Dipl.Journ. Katarina Bader begleiteten die Entwicklung der unerfahrenen Studierenden über die zahlreiche Pannen und Schwierigkeiten bis hin zu den Ergebnissen.
Der erste Teil des Projektseminars (Wintersemester 2007/8) bestand in einer Einführung in die Ästhetik und Praxis des Dokumentarfilms. Hier wurden die Studenten und Studentinnen mit den Grundbegriffen des Filmemachens vertraut gemacht: Ob Schuss-Gegenschuss Verfahren, harter oder weicher Schnitt, amerikanische oder Detailaufnahme – es wurde fleißig gelernt und umgesetzt. Im zweiten Teil (Sommersemester 2008) wurden die Studierenden in kurzen Workshops von professionellen Filmtechnikern gezielt in den Umgang mit der Filmausrüstung und den dazugehörigen Dreh- und Schnittverfahren eingewiesen. Hier mussten die oft so praxifernen Geisteswissenschaftler mit den Händen zupacken und den Umgang mit der professionellen Videoausrüstung üben.
Besonders die intensiven Workshops mit der Videojournalistin Inge Bell, der Trägerin des Preises »Frau Europas – Deutschland 2007«, haben zum Verständnis der Filmkunst und zum Gefühl für Filmpraxis beigetragen. Auch andere renommierte Filmautoren wie Reiner Holzemer, Viktoria Bergmann und Jan Sacher zeigten den Studierenden anhand ihrer Arbeiten die Möglichkeiten des Genres Dokumentarfilm. Doch schon bei der Themensuche wurden auch die Grenzen des Machbaren klar: Wie kann ich mein Thema visualisieren, ist das Problem relevant, habe ich interessante Protagonisten?
Gemeinsam wurden vier Themen ausgesucht: Balkanmusik in München, Busreisen nach Polen, jüdische Einwanderer in Regensburg und Pflege der alten, russischsprachigen Migranten. Eine Gruppe sollte einen Making-Of-Film drehen, um die Mühen und Freuden der Filmschaffenden zu verewigen. Die tatsächliche Drehphase begann und der anfängliche Pflichtkurs wurde für einige Monate zum Lebensinhalt. Die Arbeit, nah am Mensch und nah am Leben, durchtränkt von Schweiß und Mühe, brachte nicht nur themenrelevante, sondern auch persönliche Erkenntnisse. Mit Team- und Kommunikationsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und starkem Willen einerseits und mit gewisser Affinität zu Technik, enormen Zeitinvestitionen und natürlich ein bisschen Glück und Talent andererseits waren alle fünf Beiträge zum Ende des Semesters gedreht, geschnitten, eingesprochen und hunderte Male gesichtet. Am 10. Juli konnte die große Premiere stattfinden.
Ein Film ist nur dann geboren, wenn ihn die Zuschauer sehen. Wenn sie lachen, wenn sie ihre Finger in die Lehnen der Sitze drücken, wenn sie trotz der Hitze sitzen bleiben. Das Herz eines Filmemachers ist während einer Premiere wie ein Seismograph: Jedes Husten, jedes Quietschen der Sitze bringt es zum Rasen. Die Filmemacher atmen die Reaktionen der Zuschauer ein und aus bis der Raum wieder hell wird und der Applaus kommt. An diesem heißen Julitag gab es viel davon, und die Studierenden haben zum ersten Mal wirklich wahrgenommen, wozu sie zwei Semester lange gearbeitet haben.
Jeder Film wurde von einer Jury aus renommierten Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender und der Süddeutschen Zeitung sowie freien Autoren beurteilt und mit originellen Preisen ausgezeichnet. Die Laudatoren scheuten vor Komplimenten nicht zurück. So zeigt der »Making-Of-Film« die Arbeitsroutinen und die Atmosphäre der frisch gekürten Filmemacher. »Munich goes Balkan« lässt die Zuschauer in die Subkultur der Balkanmusik eintauchen. Durch die extrovertierte kroatische DJane und den befreienden Rhythmus des Balkanklangs versetzt der Film das Publikum in einen inneren Musikrausch. Der Film der Regensburger Kommilitonen »Dora wird´s schon richten« behandelt die Integrationsprobleme der russischsprachigen jüdischen Einwanderer in Regensburg. Mit Hilfe von spritzigen Dialogen und dynamischen Aufnahmen zeigen sie einen manchmal aussichtlosen Kampf einer engagierten Sozialarbeiterin gegen die Bürokratie und gegen die Gleichgültigkeit mancher Kunden. Das Filmteam von »Grenzgänger« machte sich sogar auf den Weg nach Polen. Die Studierenden filmten eine Busfahrt und fingen die Schicksale, Träume und Ängste der Reisenden ein. Die lyrischen und ruhigen Aufnahmen verleihen einer gewöhnlichen und eher unerfreulichen Reise mit einem Bus eine gewisse Hoffnung und machen aus ihr ein Abenteuer. Der letzte Film »Altern fern der Heimat« blickt hinter die Küchenfenster mit weißen Gardinen in den Sozialsiedlungen der Münchner Peripherie. Alte russischsprachige Migranten werden authentisch und gefühlvoll in ihrem Alltag gezeigt. Die Macher sind der Frage nachgegangen: »Altern russischsprachige Migranten anders?«
Am Ende der Premiere wurde ein Publikumspreis vergeben. Vergessen Sie die Oscars und die sonstigen zahlreichen Tiere und Gegenstände aus Edelmetall. Der Große Fette Goldene Zwerg hat die Bühne des Dokumentarfilms betreten. Und Den Großen Fetten Goldenen Zwerg bekam der Film „Altern fern der Heimat“, der an diesem Abend mehr Zuschauersympathie gewinnen konnte als die anderen Beiträge. Es ging jedoch an diesem bemerkenswerten Abend nicht ums Gewinnen oder Verlieren, sondern um die Würdigung des Gesamtwerkes der Studierenden der Osteuropastudien und der Leiter des Projektes.
Darius Cerniauskas